Wie wird der Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität in „Oliver Twist“ thematisiert?

Philosophische Anatomie der Beziehung zwischen Armut und Kriminalität in Oliver Twist: Ein existenzieller Konflikt

In „Oliver Twist“ von Charles Dickens wird die Beziehung zwischen Armut und Kriminalität nicht als rein soziologisches Phänomen behandelt, sondern als ontologische Frage, die die grundlegenden Widersprüche der menschlichen Existenz offenbart. Während der Roman die sozioökonomische Struktur des viktorianischen Englands als eine „existenzielle Matrix“ darstellt, die das moralische Wesen des Menschen bestimmt, positioniert er das Phänomen der Kriminalität in der dialektischen Spannung zwischen sozialem Determinismus und individueller Freiheit.

  1. Die ontologische Gewalt der Armut: Die systematische Leugnung der Menschlichkeit
    Die von Dickens beschriebene Armut ist nicht einfach ein Zustand wirtschaftlicher Not, sondern eine Form „ontologischer Gewalt“, bei der grundlegende existenzielle Menschenrechte systematisch usurpiert werden. Während Waisenhäuser und Arbeitshäuser als Instrumente einer „Disziplinargesellschaft“ im Sinne Foucaults fungieren, werden sie zugleich zu einem Mechanismus der „biopolitischen Kontrolle“, der einzelne Menschen zur Kriminalität verurteilt.

Olivers Hungerstreik: „Ich will mehr Suppe“ ist nicht nur Ausdruck eines körperlichen Bedürfnisses, sondern der fundamentalen ontologischen Notwendigkeit des Menschseins. In dieser Szene erscheint Armut als Bedrohung für das Wesen des Menschen.

  1. Phänomenologie des Verbrechens: Verbrechen als notwendige Verweigerung der Freiheit
    Im Gegensatz zu Sartres These, dass „der Mensch dazu verdammt ist, frei zu sein“, können Dickens‘ Figuren ihre Freiheit nur durch das Begehen von Verbrechen erlangen. Für die Jungen in Fagins Bande ist Stehlen eine Form des „In-der-Welt-Seins“ im Heideggerschen Sinne.

Die Darstellung des Diebstahls in „The Artful Dodger“: Für diese Charaktere wird das Verbrechen nicht nur zu einer Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch zu einer „Praxis“, die ihrer Existenz einen Sinn gibt. In einer Umkehrung von Marx’ Konzept der „Entfremdung der Arbeit“ erscheint Kriminalität hier als eine Form entfremdeter Selbstbestimmung.

  1. Über die Grenzen der Moral: Eine levinasiatische Konfrontation
    Die Figur Nancy verkörpert Levinas’ Konzept des „Gesichts des Anderen“. Das Mitgefühl, das er Oliver entgegenbringt, ist ein moralischer Lichtstrahl, der den durch die Armut verursachten ethischen Verfall durchbricht. Verbrechen und Tugend sind hier keine absoluten Gegensätze mehr, sondern werden zu Kategorien, die ständig innerhalb existentieller Bedingungen ausgehandelt werden.
  2. Hegelsche Dialektik und Klassenbewusstsein
    Die Figur Monks nimmt Marx’ Konzept des „Lumpenproletariats“ vorweg. Hier verflechten sich die Schuldgefühle aufgrund der Armut mit dem Bemühen, auf der sozialen Leiter aufzusteigen. Die Entdeckung von Olivers edler Herkunft kann als literarische Manifestation von Hegels „Herr-Knecht-Dialektik“ gelesen werden.
  3. Ein existenzieller Ausweg: Die Suche nach Sinn im Absurden
    Parallel zu Camus’ „Mythos des Sisyphos“ ist Olivers Bemühen, seine Unschuld zu bewahren, ein Kampf darum, in einer absurden Welt einen Sinn zu schaffen. Während das Happy End des Romans einen naiven Optimismus vermittelt, dass die durch Armut entstandene existenzielle Sackgasse überwunden werden kann, stellen Dickens‘ realistische Darstellungen diesen Optimismus immer wieder in Frage.

Zur Metaphysik des Verbrechens
Oliver Twist stellt die Beziehung zwischen Armut und Kriminalität als Ausdruck der grundlegenden philosophischen Spannung zwischen menschlichem Wesen und Existenz dar. Der Roman interpretiert Hobbes‘ These, dass „der Mensch dem Menschen ein Wolf ist“, im Kontext der strukturellen Gewalt der kapitalistischen Gesellschaft neu. Olivers unveränderliche Güte scheint jedoch die Existenz von Kants „moralischem Gesetz“ als menschliches Ideal unabhängig von sozialen Bedingungen zu verteidigen.

Dieses Werk von Dickens bietet uns ein reichhaltiges Denklabor, in dem wir die feine Linie zwischen struktureller Gewalt und individueller Verantwortung mit philosophischer Tiefe untersuchen können, selbst wenn wir heute über die Beziehung zwischen Armut und Kriminalität diskutieren.